Ein offenes Format: Vier Tage Selbstführung für Führungskräfte im Domicilium Weyarn. Ein Gespräch mit Petra Peres und Sven Fissenewert von P1 und Sebastian Snela, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Domicilium.
Fangen wir vorne an: Wer soll sich von „Innere Führung" eigentlich angesprochen fühlen, und warum?
Petra: Wir denken an Menschen mit Verantwortung, die im außen sehr gut funktionieren und innerlich spüren, dass etwas nicht mehr ganz zusammenpasst. Die den Laden am Laufen halten, Entscheidungen treffen, andere im Blick haben, und irgendwann merken: Der eigene Kompass ist über all dem leiser geworden. Das ist kein Defizit. Das ist der Preis, den Verantwortung oft unbemerkt einfordert.
Sven: Und es ist ausdrücklich nichts für Menschen, die noch ein Werkzeug fürs Werkzeugregal suchen. Wer denkt „gib mir drei Tools und ich optimiere meine Führung", ist bei uns falsch. Die Suche nach Tools erinnert mich an den Untertitel von Oliver Burkemans Buch 4000 Wochen: Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement. Auch wir gehen eine Ebene tiefer, nicht mit der Frage, wie ich besser führe, sondern darum, wer da eigentlich führt. Das klingt groß, ist im Alltag aber sehr konkret.
Sebastian: Was Petra über diesen leiser gewordenen Kompass sagt, höre ich hier seit Jahrzehnten, nur in ganz unterschiedlichen Worten. Zu uns kommen Menschen, die im Außen viel bewegen und innerlich aus der Puste sind. Der Ort nimmt ihnen dann oft etwas ab, wofür ein Seminarraum zu klein wäre: die Erlaubnis, einmal nichts leisten zu müssen.
Warum dann ein Retreat, und kein klassisches Führungstraining mit Input und Modellen?
Sven: Weil man Klarheit nicht herbeipowerpointen kann. Genau das, was Petra eben meinte, wer führt da eigentlich, lässt sich nicht in einer Matrix abbilden. Es zeigt sich nur, wenn man Raum dafür hat.
Petra: Deshalb arbeiten wir erfahrungsorientiert: Reflexion, Gespräche auf Augenhöhe, Stille, Bewegung in der Natur. Inspiriert ist das auch von bewusstheitsorientierten Ansätzen aus der transpersonalen Tradition, aber wir machen daraus keine Lehre und kein Bekenntnis. Es bleibt bodenständig, freiwillig und persönliche Grenzen achtend.
Sebastian: Und der Ort trägt das mit, ohne dass man viel erklären muss. Stille wirkt hier nicht, weil sie auf einer Agenda steht, sondern weil das ganze Haus darauf ausgelegt ist. Das ist ein Unterschied, den man schwer beschreiben, aber sofort spüren kann.
Das Domicilium ist auch eine Hospiz-Gemeinschaft. Schreckt die Nähe zum Sterben nicht eher ab?
Sebastian: Erstaunlich selten. Meine Eltern haben das Haus 1986 gegründet, die Hospiz-Gemeinschaft kam später dazu. Diese Nachbarschaft prägt den Ort: Hier wird nichts beschönigt. Und gerade das gibt vielen die Erlaubnis, die eigenen großen Fragen ernst zu nehmen, statt sie wegzuschieben.
Petra: Es ist kein morbider Ort, im Gegenteil. Diese Echtheit nimmt dem ganzen Entwicklungsthema das Gekünstelte. Man redet hier nicht über Quartalsziele, sondern ziemlich schnell über das, was wirklich zählt.
Sven: Da bin ich schon wieder bei Burkeman: Wer seiner eigenen Endlichkeit radikal zustimmen lernt, der wird im Hier und Jetzt bessere, fundiertere, kraftvollere Entscheidungen treffen. Das finden wir übrigens auch in der existenziellen Psychologie, mit der wir in unserem Retreat auch in Kontakt kommen werden.
Was sollte man mitbringen, außer Wechselkleidung für den Waldspaziergang?
Petra: Vor allem die Bereitschaft, sich einzulassen, und Erwartungen loszulassen. Wer mit einer fertigen Agenda für sich selbst anreist, darf sie gern am Eingang abgeben. Sonst braucht es keine Vorbereitung, keine Lektüre, keinen Test vorab.
Sven: Und ein bisschen Mut zur Lücke. Bei uns gibt es keine durchgetaktete Lösungsmaschine. Genau das, was Sebastian über die Ruhe des Hauses sagt, gilt auch fürs Programm: Es darf Pausen geben, in denen erst mal nichts passiert. Da passiert oft am meisten.
Sebastian: Genau. Und einen Punkt sage ich allen, die das erste Mal kommen: Wer hier vier Tage durchzuarbeiten versucht, kommt gegen das Haus nicht an. Das Domicilium ist geduldiger als jeder Terminkalender, das ist nicht als Vorwurf gemeint, sondern als Einladung.
Ein Satz zum Schluss: Warum lohnen sich diese vier Tage?
Petra: Weil man danach nicht mehr Antworten mitnimmt, sondern bessere Fragen, und einen Kompass, der sich wieder klarer anfühlt.
Sven: Weil der Preis fürs Dauer-Funktionieren leise ist, aber hoch. Hier schaut man ihn einmal in Ruhe an, bevor er die Rechnung präsentiert.
Sebastian: Und weil dieser Ort etwas anstößt, das bleibt. Manche Menschen kehren Jahre später zurück und sagen, hier habe für sie etwas angefangen. Mehr kann man sich für ein Haus nicht wünschen.